Sonntag, 22. Juni 2008 - 20:16 Uhr
"Neues Deutschland", 09.11.2007

»Das Band aus Elefantenhaaren«
Paul Alexander Otts Roman ist ein Stück Korruptionsgeschichte der EU
Von Holger Elias
Bücher, die sich kritisch und ungeschminkt mit den Innereien des für viele nebulösen Gebildes der Europäischen Union
befassen, sind nur schwer zu finden. Paul Alexander Ott legte nun zur Frankfurter Buchmesse ein Angebot für jene vor,
denen es nicht nur um eine nette Verpackung, sondern vor allem auch um unzweideutige Fakten geht.
Zugegeben: Ein Roman, der sich mit Korruption und Misswirtschaft in der Europäischen Union befasst, legt den Verdacht
allzu »freigeistiger« Konstruktionen nahe. Doch im Fall des Buches »Das Band aus Elefantenhaaren« ist der unbegründet.
Der pseudonyme Autor Ott, zugleich Hauptprotagonist der Handlung, hat den Kampf ums europäische Fördergeld als
ehemaliger Weltbankmitarbeiter und Landwirtschaftsexperte hautnah miterlebt und seine Erfahrungen im Roman gekonnt
mit einer Lebens- und Liebesgeschichte verwoben. Die gängige (und oft kriminelle) EU-Fördermittelpraxis spiegelt sich in
dem authentischen Werk in einer Vielzahl einzelner Geschichten.
In einer berichtet Ott von der Tragödie eines Freundes, den der zermürbende Kampf mit den Institutionen und den korrupten
Strippenziehern die wirtschaftliche Existenz kostet. Wegen seiner Erfahrungen hatte sich der Chef einer Consultingfirma um
Aufträge beworben, die durch EU-Fördermitteltöpfe hätten kofinanziert werden müssen. Und tatsächlich wähnte er sich
1995 am Ziel, als er sich um die Beratung einer russischen Firma bemühte, die ihre Milchproduktion modernisieren wollte.
Für den Unternehmer begann ein Spießrutenlauf durch die EU-Instanzen, er wurde ein Opfer der berühmt-berüchtigten
belgisch-französischen »Frankophonen Festung«.
Die hat die Abteilungen für Auftragsvergabe und die EU-Projektofficers fest in der Hand. Da wird manipuliert, bestochen
und betrogen, offenbart Ott, nicht nur in Brüssel, sondern auch in den Partnerländern. Selbst vor Staatspräsidenten,
Ministern oder höchsten EU-Beamten wird kein Halt gemacht. 50 000 Dollar Schmiergeld pro Kopf sei der Standardpreis
gewesen, berichtet Ott. Oft werden in den Ostblockländern in der Regel zunächst nur bis zu zehn Prozent Anzahlungen
geleistet. Kommt die Auftragsvergabe zustande, dann fließt der Restbetrag. »Offene Ausschreibungen« gibt es allenfalls für
kleine Projekte, die großen Fische werden im Schattenboxverfahren hinter den Kulissen vergeben.
Paul Alexander Ott arbeitet in seinem Roman mit nachvollziehbaren Fakten, gerade deshalb wächst das Buch mit jeder Seite
zu einem erschütternden Dokument zur EU-Fördergeldpraxis. Er schafft dabei sogar den schwierigen Spagat zwischen
Belletristik und Sachbuch. Auf den ersten Blick scheint sein Buch den Europaskeptikern in die Hände zu spielen, doch das
ist letztlich eine oberflächliche Sichtweise: Ott will das Projekt eines gemeinsamen Europas keineswegs grundsätzlich in
Frage stellen. Es zeigt an den Auswüchsen von Korruption und Misswirtschaft vielmehr, warum ihm nach wie vor das
Misstrauen vieler Menschen entgegenschlagen muss. Sie empfinden dieses undurchsichtige Gebilde noch immer nicht als
ihre Union, sondern als ein Europa der Profiteure, der kleinen und großen Gauner und Ganoven.

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